Schön sprechen!?

Zum Sexismus in der Sprache und warum wir das nicht wollen!

Schnell werden Studierende auf der Uni damit konfrontiert, dass ihre Sprache nicht politisch korrekt sei, bzw., dass die gewohnte Sprache, die sie aus der Schule mitgenommen haben, sexistisch sei. Und wer lässt sich gerne nachsagen sexistisch zu sein?

Mit diesem Artikel wollen wir keinesfalls den mahnenden Zeigefinger des Lehrers Lämpel erheben und erklären, warum ihr gefälligst geschlechtergerecht formulieren solltet. Vielmehr geht es uns darum, warum wir uns – als Basisgruppe Lehramt – entschieden haben, unserem Antisexismus auch Ausdruck in unserer Sprache zu verleihen. Eine geschlechtergerechte Sprache ist für uns eine Möglichkeit gegen gesellschaftliche Unterdrückungsmechanismen Widerstand zu leisten.

Die Forderung nach einer Sprachweise, die Frauen im Sprechen und Schreiben sichtbar macht, wurde erstmals um die 1970er/1980er Jahre laut. Gedanklich hatte das vor allem zwei Gründe. Die zweite Welle des Feminismus einerseits und die Wende vieler Intellektueller hin zur Sprachphilosophie (linguistic turn) andererseits.

Gerade im Anschluss an die 1968er Bewegung regte sich überall auf der Welt – vorwiegend jedoch im sogenannten Westen – Widerstand gegen patriarchale Strukturen der Öffentlichkeit, in denen Frauen permanent ausgeschlossen werden. So z.B. aus der Arbeitswelt, wie auch in der Welt politischer Repräsentanz. Das klassische Bild der Familie war das Bürgerliche, der Mann stellt sich der Öffentlichkeit, geht also arbeiten, die Frau organisiert den Haushalt. Zudem sehen sich Frauen oft mit Gewalt in der Familie konfrontiert, die nicht öffentlich thematisiert wurde und wird. Kurz: Die zweite Frauenbewegung versuchte an der strikten Trennung von Öffentlich (Mann) und Privat (Frau) zu rütteln; ein Kampf, der bis heute nicht völlig gewonnen ist, auch wenn seitdem Fortschritte erzielt werden konnten.

Mit der sprachlichen Wende in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften, die zeitgleich stattfand, fiel der Blick der Frauenbewegung auch auf die Rolle der Sprache in der Organisiertheit der Gesellschaft. Sprache ist – so wurde postuliert – der Weg auf dem wir uns die Wirklichkeit aneignen. Dabei ist dieses Aneignen der Wirklichkeit mit und durch unsere Sprache begrenzt. Dinge, über die wir nicht sprechen können oder für die wir keine Worte finden, können für uns nicht existieren. Sprache konstruiert somit so vielmehr unsere Sicht auf die Welt und somit auch – da es ja nur diese Welt für uns gibt – die Lebenswelt des Menschen selbst. Folglich bleiben Frauen solange unsichtbar, wie sie in und durch die Sprache unsichtbar gemacht werden. Sprache als Allheilmittel könnte also eine neue Realität – nach diesen Vorstellungen – konstruieren.

Diese Annahme kann als einseitig und verkehrt kritisiert werden, insofern, als der nicht-sprachlichen Realität ein zu geringes Gewicht zukommt; und verkehrt, weil ja noch immer Dinge existieren, unabhängig davon, ob darüber gesprochen werden kann oder nicht und eben diese materialistische Seite der Sprachentwicklung verkannt wurde. Gleichwohl lenkte der „linguistic turn“ doch den Blick darauf, wie Geschlechterverhältnisse sich in der Sprache wiederspiegeln. Sichtbar wurde auch, wie in der gesellschaftlichen Realität Frauen aus der öffentlichen Sphäre gedrängt wurden, so werden Frauen auch in der Sprache unsichtbar gemacht. Die Sprache setzt die Unterdrückung – z.B. durch das bürgerliche Ideal der Familie – auf geistig-gesellschaftlicher Ebene fort.

Wie ist nun aber das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit? Bliebe es alleine bei dem Fortführen oder der passiven Widerspiegelung der gesellschaftlichen Realität der Sprache, käme es auf geschlechtergerechte Sprache nicht an. Doch Sprache strahlt zurück auf die Realität, wirkt auf unser Verständnis derselben ein und schafft Vorstellungen darüber.

Geraten Realität und Sprache, also unser kollektives Verständnis über Realität, in Widerspruch zueinander, verwehrt uns dies einen optimalen Umgang mit der Realität. Dieser Widerspruch strebt dazu, die eine oder die andere Seite an die jeweils andere anzupassen. Entweder passt sich die Sprache der Realität an oder eben die in der Sprache fortgeführten „bürgerlichen Familienideale“ wirken auf die Realität restrukturierend.

Sprache wird von der BLA nicht als das alleinige Feld antisexistischer Praxis  gesehen. Wir werden weiterhin durch das Unterstützen von Frauenprojekten und anderen emanzipativen Aktivitäten unseren Beitrag leisten.

Die Anpassung der Sprache an die Realität ist für uns aber eben auch ein Feld, in dem wir für Gleichheit und Gerechtigkeit eintreten können. Wir treten für eine Gesellschaft ein, in der jedes Individuum unabhängig von irrationalen Geschlechtsstereotypen seinen und ihren Lebensentwurf selbstbestimmt gestalten können soll. Geschlechtergerechte Sprache ist Teil unseres gelebten Antisexismus.

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